SVEN RÜNGER
 
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Wenn man Sven Rüngers Arbeiten begegnet, dann begegnet man fremden Wesen. Die plastischen Formen sind von eigentümlicher atmender Präsenz und die Verwandlung unbelebter Materie in lebendige Geschöpfe scheint gelungen.
 
Mit großer Achtung für das Material, das er verwendet, schafft Sven Rünger neuartige Gestalten, die eindeutig durch Ausdruck und Geste den Charakter von Lebendigem haben. Geschliffene Flächen, deren leichte Transparenz Adern und Verfärbungen im Marmor und Travertin erkennen lassen, umspannen wie Haut weiche Rundungen. Die organischen Volumina bestehen aus einem zentralen Leib, aus dem oft paarweise kleinere Gebilde herauswachsen. Diese sind weder Kopf noch Glieder, und doch erkennt man das Zusammenspiel als Körper in vertrauten Haltungen, die verstanden und interpretiert werden können. Die Beziehung zwischen Betrachter und Wesen ist die des Vergleichs und der Deutung. Erfahrungswerte übertragen sich dabei auf die Plastik und Menschliches offenbart sich im Spiegel des Andersartigen.
 
Sven Rünger schafft keine Abbilder der Natur, sondern interpretiert sie, indem er ihr seine dreidimensionalen bildnerische Formulierungen zur Seite stellt. Analog zu ihren Regeln schöpft er eine neue Fauna. Mit prall gespannten Leibern, angedeuteten Gliedmaßen und fühlerartigen Ausdehnungen sind Sven Rüngers Plastiken so etwas wie eine neue Gattung, die eindringlich demonstriert, dass die Entwicklung von Leben auch anders denkbar wäre. Unbewegt ruhen die Geschöpfe in ihrer eigentümlichen Symmetrie. Wie sie sich aber fortbewegen bleibt rätselhaft, denn bei den beinartigen Ansätzen handelt es sich eher um Fühler oder andere Arten von Sensoren, mit denen die neu geschaffenen Wesen den Raum erkunden, in den sie sich augenscheinlich auszudehnen gedenken. Die ballonartigen Volumina scheinen wie die ersten amorphen Lebensformen im Urelement Wasser zu reifen und strahlen dabei eine Vitalität aus, die das Potential zur expandierenden Verwandlung verrät, das in ihnen steckt.
 
Sven Rünger interessiert, ob es andere Lebens-Formen geben, wie sich Tiere weiterentwickeln und wie Leben in der Zukunft aussehen könnte. Stein ist dabei eines seiner bevorzugten Materialien, da für ihn tierisches Leben in Form von Ablagerungen darin eingeschrieben ist. Dahinter steckt die Idee, dass Materie immer schon da war, nur in immer neuen Kombinationen und Erscheinungsformen auf den Plan tritt. So kann man Sven Rüngers Arbeiten als stetes Experiment der Kombinatorik elementarer Strukturen betrachten, das eben nicht dem Determinismus der Nützlichkeit und des Überlebens, sondern formalen Gesichtspunkten folgt. Lange verweilt er bei einer Form, manchmal Jahre, entwickelt dabei analog einem universellen Plan der Natur spielerisch Varianten immer wiederkehrender Grundtypen.
 
Es gibt Formen, die sich neugierig aufrichten, sich aktiv in den Raum hinein wenden als forschten sie aufmerksam horchend über ihr Umwelt. Andere sind mehr dem Boden verhaftet, auf dem sie mit ihrer ganzen Schwere wie Schlafende lasten. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich scheinbar auf die Erde und das darunter Befindliche. Alle Gestalten erwachsen ganz aus dem Volumen, keine sichtbare Stützte, kein Skelett hält sie aufrecht, sondern allein die der Form immanente Dynamik. Die gespannte Oberfläche mit ihren Rundungen, sanften Übergängen, Dellen und Wülsten lässt jenseits jeder Vorstellung von Größe an Körper denken, die neues Leben in sich tragen, oder an archaische Urformen wie Einzeller, die kurz vor einer Teilung stehen. Indem Sven Rünger seine Gestalten in einem Reifezustand darstellt, der auf Veränderung drängt, hat er die Zeit als stetigen Wandel in sie eingeschrieben.
 
Für Sven Rünger hat jedes Material seinen eignen Reiz und fordert anders behandelt zu werden. Sind die geschliffenen steinernen Oberflächen durchscheinend wie Haut mit der Konnotation von Verletzlichkeit, so verändert sich der Ausdruck erheblich, wenn Sven Rünger die gleiche Form in anderen Materialien und Größen realisiert. Barg die nackte Blöße kein Geheimnis, so lassen seine Fellgeschöpfe Spekulationen zu.

Über irritierende ambivalente Formen, die unbekannt und doch interpretierbar sind, entlarvt Sven Rünger den Betrachter, der letztlich immer nur von seinem menschlichen Standpunkt aus deuten und erkennen kann, als in seinen Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten gefangen. Die Deutung trennt Vertrautes vom Fremden. Dem anthropozentrischen, ordnenden und kontrollierenden Blick setzt er seine Plastiken und Skulpturen aus, die im freien Spiel der Variation mit der natürlichen Evolution verwandt sind. Im künstlerischen Prozess entfernt er sich mit seinen Arbeiten weitgehend von gewohnten Mustern, kann ihnen aber auch nicht gänzlich entfliehen, weil sie auch ihm innewohnen. Das Spannungsverhältnis erlaubt aber den spiegelnden Blick auf sich selbst und die Erfahrung, Evolutionär der eigenen Vorstellung und Wirklichkeit zu sein.

Sven Rünger hat Visionen über zukünftige Möglichkeiten von Leben, die aber genauso gut in der Vergangenheit schon verworfenen sein könnten. Nicht alles ist das, was es zu sein scheint. So hat der Aufmarsch von Figurinen, denen erdige Patina die Aura vergangener Jahrhunderte verleiht, seinen Ursprung in alltäglichen Gebrauchsformen im Hier und Jetzt. Was Sven Rünger da betreibt ist Zukunftsarchäologie, Gegenwart ist plötzlich uralt und Zukünftiges bereits als Versteinerung geborgen. Sven Rünger ist ein imaginärer Zeitreisender, der sich existenzielle Fragen nach dem „woher„ und „wohin“ mit einer möglichen zukünftigen Vergangenheit oder vergangenen Zukunft in einer parallelen Welt der Kunst zu beantworten sucht. Dabei versteht sich Sven Rünger wie die ägyptischen Bildhauer als Lebendigmacher, der Materie Leben gibt.


©Jutta Saum M.A., Mai 2004